Aufgewachsen zwischen Bergwäldern und Alpwiesen, entdeckte Jan Jelen als junger Mann mitten in der Stadt eine ganz neue Pflanzenwelt. «Ich war für die Gärtneraus- bildung nach Genf gezogen und verbrachte meine Freizeit am liebsten im botanischen Garten», erinnert sich der heute 75-Jährige. Eine Studienreise nach England befeuerte seine Begeisterung für botanische Gärten noch mehr. So sehr, dass der Bündner nach Abschluss der Ausbildung nach England reiste, um sich im Garten der Royal Horti- cultural Society in Wisley zu bewerben. «Leider wurde daraus nichts – Schweizer erhielten damals keine Arbeitserlaubnis.»
Jan Jelen machte das Beste aus seinem Aufenthalt, besuchte eine Sprachschule, bereiste die Insel und kehrte nach einigen Monaten in die Heimat nach Arosa zurück, wo er sein eigenes Gartenbauunternehmen gründete. In der Wintersaison, wenn die Aroser Gärten unter einer dicken Schnee- decke versanken und Touristen im beschau- lichen Bergdorf einfielen, zog es ihn wieder in die weite Welt hinaus. Einmal verbrach- te er sechs Monate im Nationalpark Coto de Doñana im Süden Spaniens, wo er als Ranger zu Pferde beim Vogel-Monitoring mithalf – Ornithologie ist neben Botanik seine zweite grosse Leidenschaft. Spätere Reisen führten ihn nach Mexiko und in verschiedene Länder Südamerikas.
Und dann, vor 13 Jahren – er war schon fast pensioniert – sollte Jan Jelen ganz un- verhofft doch noch zu einem Job in einer Art botanischem Garten kommen. «Be- kannte fragten mich, ob ich die Besucher- führungen im Alpengarten Maran überneh- men wolle, denn ich hatte früher schon botanische Exkursionen in Arosa angebo- ten. So ergab es sich, dass ich mich bald auch um die Pflege des Alpengartens zu kümmern begann.» Zugegeben, der Alpen- garten Maran ist kein Wisley oder Kew. Aber in Sachen Tradition kann er es mit den englischen Pendants aufnehmen. 1884 zu- nächst in der Nähe von Chur angelegt, ge- deiht er als Teil einer Versuchsstation bei Agroscope seit 1932 hier oben in Arosa, auf beeindruckenden 1850 Meter über Meer. Manche Pflanzen wie die Gelben Enziane seien wahrscheinlich schon über 100 Jahre alt, schätzt Jan Jelen. «Und im Verhältnis zur doch eher kleinen Fläche ist die Arten- vielfalt riesig.» Über 500 Alpenpflanzen versammelt der rund 1000 m2 grosse Gar- ten. Sie gedeihen unter anderem in sechs Gesteinsbeeten, die den unterschiedlichen geologischen Gegebenheiten in Arosa nach- empfunden sind. «Die Gesteinsbeete waren damals, als ich dazukam, gerade ein neues Projekt. Ich half mit, die Pflanzen für diese Beete in der Natur zu sammeln.» Für man- che Arten wie die Hochgebirgsspezialisten Artemisia, Steinbrech oder Schweizer Mannsschild waren ganze Tagestouren mit Kletterpartien nötig. Ein Glück, dass Jan Jelen – selber ein Aroser Urgestein – die hie- sige Bergwelt aus dem Effeff kennt. «Ich weiss, wo was wächst, weil ich schon als Kind immer in der Natur unterwegs war.»
Es war seine Tante, eine emanzipierte, rei- sefreudige Frau, die ihm auf ausgedehnten Spaziergängen zeigte, wie man mit dem Bestimmungsbuch Pflanzen identifizierte. Das nährte seine Faszination für Botanik. Statt in die Fussstapfen seiner Eltern und Grosseltern zu treten, die in ihrer Schneide- rei Skibekleidung für Touristen nähten und eine kleine Pension betrieben, entschied er sich für die Gärtnerausbildung.
In seinem eigenen Garten hat Jan Jelen der Natur das Sagen überlassen. «Ich greife so wenig wie möglich ein und verfolge, wie sich die Pflanzen entwickeln und wie sich Jahr für Jahr mehr Tiere ansiedeln.» Im Alpengarten hingegen muss er regelmässig jäten, damit sich die einzelnen Pflanzen schön präsentieren lassen. Ausserdem hat er eine kleine Vermehrung aufgebaut, weil immer mal Arten eingehen und ersetzt wer- den müssen. «Der Klimawandel setzt vielen Alpenpflanzen zu. die Schneeschmelze be- ginnt immer früher und vollzieht sich schneller, die Vegetationszeit wird länger. Zu lang, vor allem für Hochgebirgsarten. Sie werden anfälliger für Krankheiten und ge- hen geschwächt in den Winter.»
Deshalb erwartet er immer wieder mit Spannung die neue Saison, die ab Anfang Mai beginnt, sobald der Schnee weg ist. Ha- ben alle Pflanzen den Winter überlebt? Trei- ben sie wieder gesund aus? Die Küchen- schelle Pulsatilla vulgaris ist eine der Ersten, die den Gärtner dieser Tage begrüssen. Noch etwas gedulden muss er sich auf den Frau- enschuh. «Auf den freue ich mich besonders. Ich habe ihn einst an einem Bachufer gefun- den, wo er fast vom Hochwasser mitgerissen wurde.» So hat Jan Jelen zu jeder Pflanze im Alpengarten eine Beziehung – und eine Ge- schichte zu erzählen.
Das Porträt von Jan Jelen ist in der Ausgabe Mai/Juni 2022 von Bioterra erschienen. Das Magazin ist Medienpartner der BOTANICA www.bioterra.ch (Foto: Stefan Walter)
Mit den Alpenfplanzen auf Du und Du
Der pensionierte Gärtner Jan Jelen kümmert sich seit 13 Jahren ehrenamtlich um den Alpengarten Maran in Arosa. Auf wöchentlichen Führungen erzählt er Spannendes zu den Pflanzen, von denen er viele selber in der Natur gesammelt hat. Der Alpengarten Maran ist Teil der Botanica 2022, die sich vom 11. 6. bis 10. 7. dem Thema «Klimawandel im Pflanzenreich – Alpenpflanzen im Fokus» widmet.
Aufgewachsen zwischen Bergwäldern und Alpwiesen, entdeckte Jan Jelen als junger Mann mitten in der Stadt eine ganz neue Pflanzenwelt. «Ich war für die Gärtneraus- bildung nach Genf gezogen und verbrachte meine Freizeit am liebsten im botanischen Garten», erinnert sich der heute 75-Jährige. Eine Studienreise nach England befeuerte seine Begeisterung für botanische Gärten noch mehr. So sehr, dass der Bündner nach Abschluss der Ausbildung nach England reiste, um sich im Garten der Royal Horti- cultural Society in Wisley zu bewerben. «Leider wurde daraus nichts – Schweizer erhielten damals keine Arbeitserlaubnis.»
Jan Jelen machte das Beste aus seinem Aufenthalt, besuchte eine Sprachschule, bereiste die Insel und kehrte nach einigen Monaten in die Heimat nach Arosa zurück, wo er sein eigenes Gartenbauunternehmen gründete. In der Wintersaison, wenn die Aroser Gärten unter einer dicken Schnee- decke versanken und Touristen im beschau- lichen Bergdorf einfielen, zog es ihn wieder in die weite Welt hinaus. Einmal verbrach- te er sechs Monate im Nationalpark Coto de Doñana im Süden Spaniens, wo er als Ranger zu Pferde beim Vogel-Monitoring mithalf – Ornithologie ist neben Botanik seine zweite grosse Leidenschaft. Spätere Reisen führten ihn nach Mexiko und in verschiedene Länder Südamerikas.
Und dann, vor 13 Jahren – er war schon fast pensioniert – sollte Jan Jelen ganz un- verhofft doch noch zu einem Job in einer Art botanischem Garten kommen. «Be- kannte fragten mich, ob ich die Besucher- führungen im Alpengarten Maran überneh- men wolle, denn ich hatte früher schon botanische Exkursionen in Arosa angebo- ten. So ergab es sich, dass ich mich bald auch um die Pflege des Alpengartens zu kümmern begann.» Zugegeben, der Alpen- garten Maran ist kein Wisley oder Kew. Aber in Sachen Tradition kann er es mit den englischen Pendants aufnehmen. 1884 zu- nächst in der Nähe von Chur angelegt, ge- deiht er als Teil einer Versuchsstation bei Agroscope seit 1932 hier oben in Arosa, auf beeindruckenden 1850 Meter über Meer. Manche Pflanzen wie die Gelben Enziane seien wahrscheinlich schon über 100 Jahre alt, schätzt Jan Jelen. «Und im Verhältnis zur doch eher kleinen Fläche ist die Arten- vielfalt riesig.» Über 500 Alpenpflanzen versammelt der rund 1000 m2 grosse Gar- ten. Sie gedeihen unter anderem in sechs Gesteinsbeeten, die den unterschiedlichen geologischen Gegebenheiten in Arosa nach- empfunden sind. «Die Gesteinsbeete waren damals, als ich dazukam, gerade ein neues Projekt. Ich half mit, die Pflanzen für diese Beete in der Natur zu sammeln.» Für man- che Arten wie die Hochgebirgsspezialisten Artemisia, Steinbrech oder Schweizer Mannsschild waren ganze Tagestouren mit Kletterpartien nötig. Ein Glück, dass Jan Jelen – selber ein Aroser Urgestein – die hie- sige Bergwelt aus dem Effeff kennt. «Ich weiss, wo was wächst, weil ich schon als Kind immer in der Natur unterwegs war.»
Es war seine Tante, eine emanzipierte, rei- sefreudige Frau, die ihm auf ausgedehnten Spaziergängen zeigte, wie man mit dem Bestimmungsbuch Pflanzen identifizierte. Das nährte seine Faszination für Botanik. Statt in die Fussstapfen seiner Eltern und Grosseltern zu treten, die in ihrer Schneide- rei Skibekleidung für Touristen nähten und eine kleine Pension betrieben, entschied er sich für die Gärtnerausbildung.
In seinem eigenen Garten hat Jan Jelen der Natur das Sagen überlassen. «Ich greife so wenig wie möglich ein und verfolge, wie sich die Pflanzen entwickeln und wie sich Jahr für Jahr mehr Tiere ansiedeln.» Im Alpengarten hingegen muss er regelmässig jäten, damit sich die einzelnen Pflanzen schön präsentieren lassen. Ausserdem hat er eine kleine Vermehrung aufgebaut, weil immer mal Arten eingehen und ersetzt wer- den müssen. «Der Klimawandel setzt vielen Alpenpflanzen zu. die Schneeschmelze be- ginnt immer früher und vollzieht sich schneller, die Vegetationszeit wird länger. Zu lang, vor allem für Hochgebirgsarten. Sie werden anfälliger für Krankheiten und ge- hen geschwächt in den Winter.»
Deshalb erwartet er immer wieder mit Spannung die neue Saison, die ab Anfang Mai beginnt, sobald der Schnee weg ist. Ha- ben alle Pflanzen den Winter überlebt? Trei- ben sie wieder gesund aus? Die Küchen- schelle Pulsatilla vulgaris ist eine der Ersten, die den Gärtner dieser Tage begrüssen. Noch etwas gedulden muss er sich auf den Frau- enschuh. «Auf den freue ich mich besonders. Ich habe ihn einst an einem Bachufer gefun- den, wo er fast vom Hochwasser mitgerissen wurde.» So hat Jan Jelen zu jeder Pflanze im Alpengarten eine Beziehung – und eine Ge- schichte zu erzählen.
Die Emotionen Wecken
Als Kind war es Léa Wobmanns Traum, ihre Hängematte in den tropischen Gewächshäusern des Botanischen Gartens in Genf aufzuhängen. Die üppige Vegetation hatte damals ihre Fantasie beflügelt. Gut zwei Jahrzehnte
Alpenpflanzen – Einfluss des Klimawandels auf alpine Pflanzen
Für Wachstum und Verbreitung von Pflanzenarten sind verschiedene Faktoren wichtig: Neben Landnutzung, Stickstoffeintrag oder Kohlendioxidanstieg spielt das Klima eine entscheidende Rolle. Durch den Klimawandel ändern sich sowohl Areale als auch
«Seit Jahrzehnten gedeihen immer mehr kleine Bäume in der alpinen Stufe»
BEAT FISCHER Herr Randin, wie nehmen Sie als Gebirgsökologe den Klimawandel wahr? CHRISTOPHE RANDIN Die Erwärmung in den Bergen realisierte ich schon früh. Ich erinnere mich an ein Ereignis im
«Sehr viele Pflanzenarten wandern von weiter unten auf die Gipfel»
BEAT FISCHER Frau Wipf, als Gebirgsökologin stehen Sie oft zuoberst auf dem, Gipfel. Sind Sie auch eine Bergsteigerin? SONJA WIPF Ich bewege mich gerne und gut im weglosen Terrain, aber
«Invasive Pflanzen können ganze Ökosyseme verändern»
BEAT FISCHER Herr Schaffner, wieso befindet sich die Schweizer Niederlassung einer weltweit tätigen Organisation mit über 600 Mitarbeitenden in Delémont? URS SCHAFFNER Das hat biologische Gründe. Die Geschichte beginnt nach
«Wir können nicht tatenlos zusehen»
BEAT FISCHER Herr Walther, Sie haben jahrelang mit invasiven Neophyten geforscht. Entwickelt man dabei auch so etwas wie eine Beziehung zu diesen Pflanzenarten? GIAN-RETO WALTHER Je länger man sich mit
Von tropisch zu einheimisch
Eine tropische Pflanze mit dem lautmalerischen Namen Monstera deliciosa begründete ihre Liebe zur Botanik. Als Zimmerpflanze schmückte das Fensterblatt die elterliche Wohnung in Zürich. Als sie acht Jahre alt war,
Invasive Neophyten – Einfluss des Klimawandels auf die Vegetation
INVASIVE NEOPHYTEN Pflanzenarten, die nach der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus 1492 absichtlich oder unabsichtlich in ein neues Gebiet eingeführt wurden und sich in der Natur etablierten, werden Neophyten genannt.
«Letztlich sind es die Extremereignisse, die zu Veränderungen führen»
BEAT FISCHER Herr Zimmermann, wie nehmen Sie persönlich den Klimawandel wahr? NIKLAUS E. ZIMMERMANN In erster Line beim Wandern im Gebirge. Ich gehe gerne und oft in die Regionen, in
Ursachen und Folgen des Klimawandels
Klimaveränderungen gab es auf der Erde immer. Als die landlebenden Dinosaurier vor rund 65 Millionen Jahren ausstarben, herrschte in der Gegend der Schweiz ein subtropisches bis tropisches Klima. Im Eiszeitalter,
«Der Mensch schützt, was er schätzt.»
Es sind über 350 000 kleine rote Punkte, die Joëlle Magnin begeistern. «Schauen Sie mal», sagt sie und schiebt den Laptop über den Tisch, «die Karte des Kantons Waadt ist
Erhaltung gefährdeter Wildpflanzen in botanischen Gärten
In der Schweiz sind über ein Viertel der Wildpflanzen bedroht und stehen auf der Roten Liste. In botanischen Gärten werden solche gefährdeten Arten für eine Wiederansiedlung in ihren natürlichen Lebensräumen kultiviert.
«Die Stimmung für Artenförderung war noch nie so gut»
Info Flora ist das nationale Daten- und Informationszentrum zur Schweizer Flora. Deren Direktor, Dr. Stefan Eggenberg, engagiert sich seit Jahrzehnten im Artenschutz.
«Wir profitieren vom grossen gärtnerischen Knowhow»
Kantonale Naturschutzfachstellen sind bei Erhaltungsprogrammen und Wiederaussiedlungen von seltenen und gefährdeten Pflanzenarten wichtige Partner der botanischen Gärten.
«Die Natur kennt keine Grenzen»
Der Botanische Garten der Universität Freiburg nimmt in der Schweiz eine Pionierrolle ein. Prof. Gregor Kozlowski realisierte mit seiner Forschungsgruppe und dem Gartenteam etliche erfolgreiche Wiederaussiedlungen.
«Infotainment ist heute besonders wichtig»
Peter Enz’ wichtigstes Ziel ist die Sensibilisierung für Pflanzen und die Natur. Darum liegt dem Leiter des Botanischen Gartens der Universität Zürich die diesjährige «BOTANICA» sehr am Herzen: Weil sie aufzeigt, wie wichtig der Erhalt bedrohter heimischer Pflanzen ist.
«Unser Gründervater wären zufrieden mit uns»
Catherine Lambelet setzt sich für den Erhalt bedrohter Pflanzen ein. Sie ist Konservatorin am Botanischen Garten von Genf
«Verschwindet eine Art, geschieht dies meist im Stillen.»
Gregor Kozlowski ist in seinem Element, wenn er über sein Spezialgebiet, den Artenschutz, spricht. «Allein im Kanton Freiburg sind rund 700 Pflanzenarten bedroht, ein Drittel des kantonalen Wildpflanzenbestandes.»